Kürzere Jagdzeiten, Nachtjagdverbot und Wildruhezonen für den Rothirsch!

Hubertustag – Chance zur jagdlichen Einkehr?
Forderungen der Deutschen Wildtier Stiftung zum 3. November 2007

Als Hubertus eines Tages bei der Jagd einen Hirsch aufgespürt hatte und ihn verfolgte, um ihn zu töten, stellte sich dieser ihm plötzlich entgegen. Zwischen seinem Geweih erstrahlte ein Kreuz, und in der Gestalt des Hirsches sprach Christus zu ihm: „Hubertus, warum verfolgst du mich?“

Was würde ein Rotwildjäger von heute dem Hubertus-Hirsch antworten? „Weil du dich in einem rotwildfreien Gebiet befindest?“ oder „Weil du die Fichten geschält und die Buchen verbissen hast?“

Rotwild – gestern und heute
Der Umgang mit unserem letzten Großsäugetier hat sich seit der Zeit des Hubertus vielfach gewandelt: Durch die Folgen der Revolution von 1848 war der Rothirsch in Deutschland fast ausgerottet. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs der Bestand vielerorts durch Trophäen orientierte Überhege wieder stark an. Das führte dazu, dass der Wildart der Stempel des Waldschädlings aufgedrückt wurde. Daraufhin wurde der Bestand in Deutschland durch hohen Abschuss reduziert. Zusammen mit der stetig fortschreitenden Landschaftszerschneidung führten der steigende Bejagungsdruck und die räumliche Beschränkung des Rotwildes auf gesetzlich vorgeschriebene Verbreitungsgebiete zu einem Rückzug der Tiere in Waldbereiche. Heute sind Rothirsche überwiegend nachtaktive Waldtiere. Die Folgen sind nicht nur Verbiss- und Schälschäden. Auch die Chancen für Naturfreunde unsere größte heimische Säugetierart zu beobachten sinken mehr und mehr.

Doch wie könnte ein neuer, der heutigen Zeit angepasster Umgang mit Rotwild aussehen?

Die Deutsche Wildtier Stiftung zeigt in dem von ihr herausgegebenen und gemeinsam mit Jagd-, Naturschutz- und Grundeigentümerverbänden entwickelten „Leitbild Rotwild“ Wege für ein fortschrittliches Management dieser Wildart auf. Ziel muss es sein, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen menschlichen Interessen und den arteigenen Ansprüchen des Rotwildes zu finden. Dabei spielen die Art der Bejagung und die Berücksichtigung der Lebensraumbedürfnisse des ursprünglichen Steppenbewohners eine wichtige Rolle.

Zum Hubertustag am 3. November 2007 fordert die Deutsche Wildtier Stiftung Jäger und Jagdpolitik auf, dem Rotwild in Deutschland ein artgerechteres Leben zu ermöglichen:

1. Jagdzeit verkürzen
- Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert eine Verkürzung der Jagdzeit auf Rotwild: Die Jagdzeit auf Hirsche sollte am 1. August und auf weibliches Wild und Kälber am 1. September beginnen. Am 31. Dezember ist die Jagd auf Rotwild einzustellen.

Nach Bundesjagdgesetz und der Gesetzgebung mancher Bundesländer darf Rotwild heute bis zu neun Monate im Jahr bejagt werden. Die Jagdzeit der Kälber und Schmalspießer endet erst am 28. Februar. Am 1. Juni beginnt sie für Schmaltiere und -spießer bereits wieder. Erschwerend kommt hinzu, dass während der dreimonatigen Schonzeit bereits die Rehwildjagd und mit ihr eine Zeit starken Bejagungsdrucks in den Revieren beginnt. Unter diesen Voraussetzungen ist es faktisch unmöglich, Vertrautheit und Tagaktivität und damit eine natürliche Verhaltensweise des Rotwildes zu erreichen. Darüber hinaus würde die Jagdruhe im Januar und Februar dazu beitragen, Wildschäden an der Waldvegetation zu verhindern.

2. Nachtjagdverbot einhalten
- Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert, das Nachjagdverbot auf Rotwild einzuhalten. Ausnahmen dürfen nicht zur Regel werden!

Nach § 19 Abs. 4 des Bundesjagdgesetzes ist die Bejagung von Schalenwild während der Nachtzeit, mit Ausnahme von Schwarzwild, verboten. Aufgrund der immer schlechter werdenden Möglichkeiten zur Erfüllung von Abschussplänen und der Schäden in der Landwirtschaft wird heute jedoch in vielen Gebieten das Nachtjagdverbot aufgehoben. Die Folgen von Nachtjagd sind ein noch heimlicheres Verhalten des Rotwildes zur Befriedigung seines Sicherheitsbedürfnisses. Das weiter zurückgezogene Vorkommen der Tiere führt wiederum zu erhöhten Wildschäden im Wald. Daraus resultiert zwangsläufig noch höherer Bejagungsdruck – ein Teufelskreis, der sich nur durch eine Bejagung durchbrechen lässt, die Tagaktivität und Vertrautheit fördert.
Daher darf die Erlaubnis zur Nachtjagd auf Rotwild nur zeitlich und räumlich eng begrenzt erteilt werden und nur dann wenn die Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen ein unakzeptables Ausmaß angenommen haben.

3. Wildruhezonen einrichten
- Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert, in den Kernbereichen der Rotwild-Verbreitungsgebiete Wildruhezonen auf Grundlage des Bundeswaldgesetzes auszuweisen.

Hohe Stressbelastung beim Rotwild ist eine wesentliche Ursache für den Verbiss und das Schälen von Bäumen. Zunehmende Nachtaktivität und die Präferenz geschlossener Tageseinstände sind die natürliche Reaktion der Tiere zur Befriedigung ihres Sicherheitsbedürfnisses. Immer mehr Beispiele weisen jedoch darauf hin, dass das lernfähige Rotwild bereits nach kurzer Zeit sein Verhalten in Wildruhezonen ändert und Tagaktivität und Vertrautheit annimmt.
Die Planung und Ausweisung von Wildruhezonen könnte auf Grundlage des Bundeswaldgesetzes (§ 14) erfolgen und sollte auf der Ebene der Population, jedoch nicht auf der Ebene einzelner, meist viel zu kleiner Jagdreviere vorgenommen werden. Hier bieten sich die Hegegemeinschaften als planende und durchführende Instanz an. Sie sollten in dem von ihnen betreuten Gebiet mindestens eine Wildruhezone ausweisen, die eine Größe von 100 ha nicht unterschreiten darf und möglichst auch Bereiche des Offenlandes einbezieht. In diesen Wildruhezonen ist jede Störung durch Jäger und Erholungssuchende ganzjährig zu vermeiden und es sind geeignete Äsungs- und Verbissflächen anzulegen.
Da ein Großteil der Rotwildverbreitung heute in den Landesforsten angesiedelt ist, sollten diese eine Vorreiterrolle bei der Ausweisung von Wildruhezonen einnehmen.
Langfristig können Wildruhezonen auch zur Vermittlung von Naturerlebnissen genutzt werden, wenn Besucher so an die Ruhezonen gelenkt werden, dass sie das Wild nicht beunruhigen.

Fazit
Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich dafür ein, Wildtiere in ihren Lebensräumen zu fördern und erlebbar zu machen. Für das Rotwild bedeutet das, ihm Lebensraum nicht nur im Wald, sondern auch im Offenland zur Verfügung zu stellen und die für die Wildtiere unkalkulierbaren Störungen durch den Menschen zu begrenzen.

Mit Blick auf die Jagd in Deutschland fordert die Deutsche Wildtier Stiftung, die Jagdzeit auf Rotwild zu verkürzen, das Nachtjagdverbot einzuhalten und Wildruhezonen einzurichten.

Positionspapier als pdf-Download

Partner

  • Deutsche Wildtier Stiftung
  • Vauna
  • TU Dresden

Das "Hubertuspapier"

Als Hubertus eines Tages bei der Jagd einen Hirsch aufgespürt hatte und ihn verfolgte, um ihn zu töten, stellte sich dieser ihm plötzlich entgegen. Zwischen seinem Geweih erstrahlte ein Kreuz, und in der Gestalt des Hirsches sprach Christus zu ihm: „Hubertus, warum verfolgst du mich?“

Was würde ein Rotwildjäger von heute dem Hubertus-Hirsch antworten? „Weil du dich in einem rotwildfreien Gebiet befindest?“ oder „Weil du die Fichten geschält und die Buchen verbissen hast?“
Das "Hubertuspapier"