Rotwildsymposium 2006
Freiheit für den Rothirsch! - Zur Zukunft der Rotwildgebiete in DeutschlandMit dem Ziel, Wege aufzuzeigen, wie im Konsens mit allen Beteiligten dem Rotwild wieder mehr Lebensraum eröffnet werden kann, hatte die Deutsche Wildtier Stiftung zu ihrem 3. Rotwildsymposium nach Berlin geladen. Die Veranstaltung am 8. und 9. September 2006 stand unter der Schirmherrschaft des Landwirtschaftsministers von Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Till Backhaus.
Stifter und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, Haymo G. Rethwisch, begrüßte die 140 Teilnehmer in der Hauptstadtvertretung des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
Dr. Karl Otto Kreer, Staatssekretär im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei des Landes Mecklenburg-Vorpommern, überbrachte die Grußworte der Landesregierung. Er betonte dabei, dass Mecklenburg-Vorpommern in punkto Rotwildmanagement richtungweisend sei: Nur wenige Bundesländer, und hierzu zählt auch Mecklenburg-Vorpommern, gestehen dem Rothirsch heute noch zu, sich seinen Lebensraum selbst zu wählen.
Dr. Richard Lammel, Leiter der Unterabteilung „Forst, Holz, Jagd“ im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) lobte die Arbeit der Stiftung hinsichtlich der Nutzung des Rotwilds unter naturtouristischen Aspekten. Dies zeige die Deutsche Wildtier Stiftung mit ihrem Projekt Wildtierland in Mecklenburg-Vorpommern. „Dieser Weg kann für viele ländliche Regionen ein wichtiger Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung sein“, erklärte Lammel.
Rothirsch und Mensch - eine Bestandsaufnahme
Da Prof. Dr. Josef H. Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung München krankheitsbedingt verhindert war, stellte Hilmar Frhr. von Münchhausen, Deutsche Wildtier Stiftung, stellvertretend die Kerninhalte seines Beitrages vor. Seine Vision zu den Erwartungen der Gesellschaft:
- Bessere
„Sichtbarkeit“ des Rotwildes als eindrucksvollste Großtierart unserer
Natur sollte durch Anpassung der Jagdmethoden erzielt werden!
- Aufhebung
der strikten räumlichen und funktionalen Trennung von „Rotwildgebieten“
und rotwildfreien Regionen sowie Zurücknahme der behördlichen
Reglementierungen des Bestandmanagements.
- Der Rothirsch ist kein Waldtier, sondern vielmehr ein Bewohner offener und halboffener Landschaften.
Der Rothirsch - das „eingesperrte“ Wildtier
In dem Beitrag von Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden, stand die Entstehung der Rotwildgebiete in Deutschland im Mittelpunkt. Nach einem historischen Exkurs erläuterte er die politische Bedeutung der Rotwildgebiete und betonte, dass es sich hierbei um reine „Verwaltungsgrenzen, und nicht um ökologisch abgegrenzte Lebensräume" handele.
Rotwildgebiete aus Sicht der Wildbiologie
Dr. phil. Helmuth Wölfel, Institut für Forstzoologie und Waldschutz an der Universität Göttingen, beleuchtete die Rotwildgebiete aus der Perspektive der Wildbiologie mit folgendem Fazit:
Rotwild ist auch hinsichtlich der Ansprüche an seinen Lebensraum eine äußerst anpassungsfähige Tierart. Allerdings sind ein Großteil der ihm in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft zugewiesenen Areale Reservate, die in der Regel das Prädikat „Rotwildlebensraum“ nicht verdienen. So können manche Mittelgebirge und Teile des Hochgebirges saisonal für Rothirsche durchaus attraktive Regionen darstellen, ganzjährig sind sie aber großteils als Habitat nicht geeignet. Die Tiere würden diese Regionen, wenn sie es denn könnten bzw. wenn man sie ließe, im Spätherbst verlassen und, wenn überhaupt, erst im Sommer wiederkehren. Der Rothirsch ist andererseits zwar vorwiegend eine Art des Tieflandes, nicht aber, wie häufig und fälschlich behauptet, ein Steppentier.
Rotwildfreie Gebiete aus juristischer Sicht
Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Florian Asche, Kanzlei Asche Stein & Glockemann, näherte sich der Frage der rotwildfreien Gebieten aus juristischer Sicht:
Rechtliche Regelungen, die Rotwild betreffen, müssen sich am Staatsziel Umweltschutz im Sinne von Artikel 20 a GG messen lassen. Danach ist es Aufgabe des Staates, die natürlichen Lebensgrundlagen, mithin auch die Wildbestände, zu schützen. Sofern der Staat die Interessen der Land- und Forstwirtschaft an möglichst geringen Wildschäden dadurch schützen möchte, dass er Rotwild in bestimmten Gebieten ausrotten lässt, so ist eine solche Maßnahme nur möglich, wenn zuvor alle alternativen Maßnahmen des Wildtiermanagements geprüft wurden und diese nicht wirksam angewendet werden konnten.
Sein Fazit: Durch Jagd rotwildfrei gehaltene Gebiete dürfen lediglich die letzte Möglichkeit (Ultima Ratio) sein und auch ihre Grenzen können nicht pauschal festgelegt werden.
Rotwildgebiete in Deutschland im Kontext des internationalen Artenschutzes
Herr Mag. Dr. Rudolf Gürtler, CIC (Internationaler Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd, Budapest) vertrat den kurzfristig verhinderten Präsidenten Dieter Schramm. Er hob im Kontext des internationalen Artenschutzes verschiedene Abkommen hervor, die für die Frage der Rotwildgebiete eine wesentliche Bedeutung haben:
- das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt und seine praxisbezogenen Prinzipien
- die Richtlinien zur nachhaltigen Nutzung der Biodiversität
- und als eine der wichtigen Grundsatzerklärungen die IUCN die „Grundsatzerklärung zur nachhaltigen Nutzung wildlebender Ressourcen".
Der CIC betonte auch, dass vor dem Hintergrund der internationalen Verpflichtungen bei der Festsetzung von Rotwildgebieten das Mitspracherecht der betroffenen Bevölkerungsgruppen, z.B. der Grundeigentümer, gewährleistet sein muss.
Rotwildgebiete - ein deutsches Phänomen? Ein Blick in die Nachbarländer
Rotwild in Südtirol
Einen weiteren Blick über die Grenzen hinaus gewährte Heinrich Aukenthaler vom Landesjagdverband Südtirol zum Umgang mit dem Rotwild in Südtirol: Hier war das Rotwild bis vor einigen Jahren nahezu ausgerottet. Heute ist es trotz intensiver Bejagung wieder im ganzen Land präsent. Erste erneute Rotwildsichtungen gab es um 1950. Ab 1960 wurde die Zuwanderung aus der Schweiz, allgemein vor allem von Westen, stärker. Daraufhin wurden erste Hegeringe eingerichtet und auf Eigeninitiative der Jäger Hegerichtlinien erstellt.
Jagd in Südtirol
Die meisten Jäger Südtirols jagen auf fremdem Grund und Boden, zahlen keine Jagdpacht und haben quasi Gaststatus im Revier. Dieses System wird von den Grundeigentümern geduldet, so lange ihnen keine „größeren Schäden“ aus dem Wildbestand oder der Jagd entstehen. Die wichtigste Richtlinie lautet: pro erlegten Hirsch müssen zwei Stück Kahlwild gestreckt werden. Eine Beschränkung der Abschusspläne gibt es nicht, ebenso wenig Rotwildjagd nach deutschem Muster. Der Hirsch wird meist ohne Rücksicht auf Alter und „Qualität“ erlegt. 1800 Stück Kahlwild kam 2005 zur Strecke, davon 850 Kälber, 500 Schmal- und 450 Alttiere.
Sondersituation Nationalpark
Im westlichen Teil des Landes liegt der „Nationalpark Stilfser Joch“. Hier wurde in den 1980er Jahren die Jagd untersagt. In der Konsequenz stieg der Rotwildbestand stark an - zu erheblichen Lasten des Waldes. Heute ist es einheimischen Jägern gestattet, Rotwild, vor allem Kahlwild und jüngere Hirsche, unter kontrollierten Bedingungen zu erlegen.
Rotwild in der Schweiz
Das „Rothirschkonzept 2006“ des Kantons Bern (Schweiz) - Von der Abgrenzung der Besiedlungsgebiete zur Förderung der weiteren Ausbreitung
Vor rund zweihundert Jahren war der Rothirsch im Kanton Bern ausgestorben. Ein Grund für die starke Verfolgung war sein Ruf als Schädling in der Land- und Forstwirtschaft. Heute gibt es wieder eine bedeutende Population, die sich seit 2004 waldverträglich im ganzen Kanton ausbreiten darf. Die Ausbreitung soll im ganzen Kanton dort, wo geeignete Lebensräume vorhanden sind, bei einer Begrenzung der Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen und im Wald auf ein tragbares Maß ermöglicht werden. Weitere Ziele des Rotwildmanagements bestehen in der Verringerung der Störungen in den potentiellen Lebensräumen und die Beibehaltung der nachhaltigen Jagd.
Das „Rothirschkonzept 2006“ zeigt die aktuellen Verhältnisse und die Maßnahmen auf, die für eine weitere Ausbreitung der Hirsche erforderlich sind. Zu ihnen gehören vor allem jagdliche Maßnahmen in den bereits besiedelten Gebieten, Beschränkung der Störungen in den noch nicht besiedelten Gebieten und die Sicherstellung von hirschtauglichen Korridoren zu den neuen Lebensräumen. Damit die Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen und im Wald in Grenzen gehalten werden können, sind Entscheidungshilfen ausgearbeitet worden, welche zielgerichtete Eingriffe ermöglichen. Sie sollen aber auch dazu beitragen, dass die weitere Ausbreitung ermöglicht wird.
Dr. sc. tech. Christian Ruhlé, Selbstständiger Rotwildsachverständiger Scherikon (CH)
Rotwild in Großbritannien
Dr. Jochen Langbein (Consultancy Services for Wildlife Research and Deer Management, UK) berichtete über Rotwildmanagement in England, einem Land ohne, und Schottland, einem Land mit nur wenig Gesetzesvorgaben hinsichtlich Wilddichte, Abschussplanung oder der Gesamtgröße von Populationen und ohne künstliche Einschränkung der Verbreitungsareale. Die Gesetze regeln lediglich Schonzeiten, Jagd-Methoden und -Waffen darzulegen, anhand der Rotwild entnommen oder erlegt werden darf.
Mit über 365.000 Rotwild gibt es in Großbritannien mehr Tiere als im übrigen Zentral- oder Westeuropa. Die größte Population (350.000) besteht in Schottland. Kleinere Vorkommen sind insbesondere in Südengland zu finden. In Großbritannien liegt die komplette Gestaltung des Rotwildmanagements fast ausschließlich in den Händen der Grundbesitzer. Diese Regelung steht im scharfen Kontrast zu den meisten europäischen Ländern, in denen Rotwildmanagement vom Gesetzgeber festgelegt wird und/oder Abschusspläne von regionalen Behörden genehmigt werden müssen. Großflächiges Rotwildmanagement durch benachbarte Grundbesitzer in Form von Deer-Management-Groups (Hegegemeinschaften) besteht auf rein freiwilliger Basis.
Hegegemeinschaften sind in England immer noch die Ausnahme, in Schottland hingegen regeln sie den Großteil der örtlichen Rotwildverbreitungsgebiete. Anhand gesetzlicher Regelungen können Landbesitzer über die Deer Commission for Scotland die Verkleinerung der Bestände einfordern. Ein besonderer Fokus des schottischen Rotwildmanagement liegt auf der genetischen Vermischung von Rot- mit Sikawild sowie der Regeneration der selten gewordenen Kaledonischen Kiefer.
Elch-Management in Schweden - Was können wir davon für den Umgang mit dem Rothirsch in Deutschland lernen?
Ulrich Wotschikowsky, VAUNA e.V., einer der maßgeblichen Autoren des Leitbildes Rotwild, warf einen Blick nach Schweden.
Im Gegensatz zu Rotwild lassen sich Elche nicht durch gezielt eingesetzte Störungen räumlich steuern. Damit lässt sich Elchmanagement nur bedingt mit Rotwildmanagement vergleichen.
In Schweden wurden bereits erste „Elchhegegebiete“ ins Leben gerufen. Jedoch sind für die Handhabung des Elchmanagements, ähnlich wie in Großbritannien, allein die Grundeigentümer verantwortlich. Im Gegensatz zu Deutschland sind nicht nur Vertreter der Jagd- und Forstwirtschaft in die Elchbewirtschaftung eingebunden, sondern auch der Naturschutz, der Tourismus sowie die Verkehrssicherheit.
Ein weiterer Unterschied taucht im jagdlichen Umgang auf: Hier richtet sich das Augenmerk auf das Wildbret; die Trophäe wird lediglich als Zugabe gesehen.
Rotwildgebiete oder nicht - Erfahrungen aus den Bundesländern
Rotwild was nun? - Erfahrungen aus dem Saarland
Das Saarland beschreitet seit zwei Jahren einen bemerkenswerten Weg: Hier wird nicht mehr zwischen rotwildfreien Gebieten und Rotwildgebieten unterschieden. Außerhalb der einstigen Rotwildgebiete darf sich das Rotwild jetzt ungehindert ausbreiten und steht dabei sogar unter besonderem Schutz. „Erst wenn diese Bestände einen nennenswerten Umfang erreicht haben, setzt als Form einer nachhaltigen Nutzung die Bejagung des Wildes ein“, so der saarländische Umweltminister Stefan Mörsdorf.
„Grenzenlose Freiheit“ in Mecklenburg-Vorpommern
Jürgen Krüger, Vize-Präsident des Landesjagdverbandes Mecklenburg-Vorpommern, stellte die wesentlichen Rahmenbedingungen für den Umgang mit Rotwild in Mecklenburg-Vorpommern vor.
Einerseits wurde und wird in diesem Bundesland bereits viel für das Rotwild getan:
- freie Wahl des Lebensraums,
- einheitliche länderübergreifende Bewirtschaftungsrichtlinie,
- Altersklassenabschuss,
- intensive Wildbestandsermittlung,
- gute Arbeit der Hegegemeinschaften (Gruppenabschusspläne, Nachweise),
- Wildschadensausgleichskasse (Ermittlung Wildschäden),
- forstliches Verbissgutachten,
- Fütterungsverbot.
- Stärkung der Rolle der Hegegemeinschaften und Verbesserung der Zusammenarbeit mit den unteren Jagdbehörden und Hegeringen,
- Verbesserung der Wildbestandsermittlung,
- effektive Nutzung der Wildbewirtschaftungsrichtlinie und Jagdgesetzgebung,
- Schulung der Jäger, insbesondere zu Fragen der Jagdmethodik (Jagdruhe - Jagddruck, Intervalljagd, Jagdzeiten, artgerechte Bejagung),
- Öffentlichkeitsarbeit und Zusammenarbeit mit anderen Verbänden,
- Verhinderung von Landschaftszerschneidungen,
- Erlebbarmachen von Rotwild,
- Jagdneid.
Rotwildgebiete in Baden-Württemberg
Helge Freiherr v. Gilsa, Leiter der Obersten Jagdbehörde, stellte die Strategie des Landes Baden-Württemberg beim Umgang mit Rotwild vor:
Landesweit fehlt bis heute ein fundiertes Wissen zur Optimierung des Rotwildmanagements. Deshalb überarbeiten seit 2003 die Wildforschungsstelle Baden-Württemberg in Aulendorf und der Arbeitsbereich Wildökologie der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg die Grundlagen zum Vorkommen, zu Verbreitungsschwerpunkten und zu Schälschäden innerhalb und außerhalb von Rotwildgebieten. Es werden Lebensraumanalysen hinsichtlich Landschaftsökologie und Habitatstrukturen erstellt, die Verwandtschaftsbeziehungen genetisch analysiert und weitere Aussagen zu den Wildtierkorridoren und Unfallschwerpunkten erwartet.
Im Projekt „Rotwildkonzeption Südschwarzwald“ wird Rotwild telemetriert, die Fütterungen auf Heu umgestellt und das Konfliktpotential in der Forstwirtschaft, der Landwirtschaft und in der touristischen Infrastruktur erhoben. Darauf aufbauend sollen gemeinsame, revierübergreifende Konzeptionen zur artgerechten Hege, Fütterung und Bejagung, zur Lebensraumgestaltung und Schadensminimierung und Erlebbarkeit des Rotwildes vereinbart und umgesetzt werden. Die Arbeit der Projektgruppe ist eine wertvolle Hilfe für die Entscheidungsträger in Verwaltung und Politik.
Sein Fazit: Erst müssen in den bestehenden Rotwildgebieten die vorherrschenden Probleme gelöst werden, bevor die Gebiete erweitert werden können.







