Rotwildsymposium 2008
Jagdfrei“ für den Rothirsch!
– Strategien zur
Verringerung des Jagddrucks -
Inmitten der hirschberühmten Schorfheide trafen sich am 29. und 30. August Praktiker, Wissenschaftler und Politiker, um über eine artgerechtere Bejagung des Rotwildes zu beraten. Da die Veranstaltung bereits mehrere Wochen im Voraus ausgebucht war, konnten von den weit über 200 Anmeldungen nur 170 Teilnehmer berücksichtigt werden. Im Mittelpunkt des zweitägigen Symposiums, das erstmals gemeinsam mit der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern veranstaltet wurde, standen die drei zentralen Forderungen der Stiftung zur Rotwildjagd in Deutschland: Verkürzung der Jagdzeiten, Einhaltung des Nachtjadgverbots und Ausweisen von Wildruhezonen.
„Stellen Sie sich bitte vor, Sie wären einer von 150.000 Menschen in Deutschland und um Sie herum gäbe es etwa 80 Millionen Wölfe: So muss sich ein Stück Rotwild in Deutschland fühlen.“ Mit diesen Worten eröffnete Haymo G. Rethwisch, Stifter und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, das Symposium. „Rotwild kann hierzulande nicht mehr seinen arteigenen Lebensgewohnheiten nachgehen. Obwohl es eigentlich ein Tier der Steppen ist, zieht es sich zur Befriedigung seines Sicherheitsbedürfnisses immer tiefer in die Wälder zurück.“ Claus R. Agte, Stifter und Vorstand der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern, hob daher in seinem Grußwort die besondere Bedeutung von Wildruhezonen und des Nachtjagdverbots hervor.
Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, stellte in dem Eröffnungsvortrag die drei Kernforderungen konkret vor:
Obwohl von den Bundesländern unterschiedlich geregelt, gilt in Deutschland die längste Jagdzeit auf Rotwild in Europa. Vor allem die Jagd in den Wintermonaten müsse deutlich reduziert werden. Hinzu kommt, dass in sechs Bundesländern das per Bundesjagdgesetz geltende Nachtjagdverbot pauschal aufgehoben wurde. Nachtjagd aber drängt das störungsempfindliche Rotwild noch tiefer in die schützenden Wälder. Nicht zuletzt um hier Wildschäden zu verhindern, sei es wichtig, die Jagdstrategien am natürlichen Verhalten der Wildtiere auszurichten. Beim Rotwild gehören dazu neben einer störungsarmen Jagd auch die Bereitstellung von Lebensraum im Offenland und das Auflösen der gesetzlich vorgeschriebenen Rotwildverbreitungsräume.
Welche Auswirkungen die Jagd im Winter auf Rotwild haben kann, zeigte Prof. Arnold von der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. Der Energiebedarf der untersuchten Tiere, gemessen an ihrer Pulsrate, nahm über die Wintermonate erheblich ab. Störungen zu dieser Jahreszeit erhöhen den Energiebedarf und damit die Nahrungsaufnahme um über 20 %. Ulrich Maushake, Leiter des Bundesforstbetriebes Grafenwöhr, beschrieb daraufhin in seinem Vortrag, wie der notwendige Abschuss des Rotwildes auf dem Truppenübungsplatz auch ohne Jagd im Winter gelingt. Der gemeinschaftliche Ansitz mit leichtem Anrühren des Wildes und die Lenkung des Rotwildes über Äsung und Ruhe sind hier der Schlüssel einer störungsarmen Jagd. Ebenso wie Maushake sprach sich Theo Grüntjens, Leiter der Forstverwaltung Rheinmetall, gegen eine Lockerung des Nachtjagdverbotes aus. Die Einhaltung des Verbotes sollte darüber hinaus auch für andere Wildarten in den Rotwildeinstandsflächen gelten. Gemeinschaftliche Drückjagden führen zu gemeinsamem Erfolg und gewährleisten die notwendige Ruhe für das Rotwild.
Das Thema Wildruhezonen griffen Joachim Menzel, Leiter des Niedersächsischen Forstamtes Saupark, und Karl Heinrich Ebert, ehemaliger Leiter des Forstamtes Schönbuch in Baden-Württemberg, auf. Menzel zeigte eindrucksvoll, wie sich eine Rotwildpopulation im Kleinen Deister mit Hilfe von Ruhe und Äsungsangebot im Verlauf von zehn Jahren über den Gesamtlebensraum verteilt hat. Ebert verwies anschließend auf den Unterschied zwischen Tagaktivität und wirklicher Tagvertrautheit. Schälschäden seien häufig die Folge der Tagaktivität und damit des natürlichen Lebensrhythmus von Rotwild. Tagvertrautes Wild nutzt hingegen Wildwiesen und Offenland zur Nahrungsaufnahme. Tagvertrautheit trägt somit erheblich dazu bei, Schäden am Wald zu verhindern. Matthias Neumann vom Institut für Waldökologie aus Eberswalde stellte im Anschluss Forschungsergebnisse aus drei Telemetrieprojekten vor. In allen Untersuchungsgebieten bewegte sich Rotwild innerhalb der Wildruhezonen am Tag vertraut und bot so auch die Möglichkeit zum Naturerlebnis für Waldbesucher.
Den Abschluss des ersten Veranstaltungstages bildete ein Referat von Kai-Uwe Wollscheid, Geschäftsführer des Internationalen Rates zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC). Bei seinem Blick auf die Rotwildjagd in Deutschland stellte er die internationalen Grundsätze für die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt (Addis Abeba, 2004) in den Vordergrund. Eines dieser Prinzipien lautet, dass sich die Bejagung des Wildes an dessen Wohlbefinden orientieren muss. Der Nachweis der Nachhaltigkeit, und damit nicht zuletzt das Wohlbefinden des Wildes, sind somit auch ein Schlüssel für die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd.
Am Vormittag des zweiten Veranstaltungstages boten drei Workshops Gelegenheit zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmern. Jeder Workshop begann mit einem Impulsreferat. Jan Malskat, Revierleiter im Duvenstedter Brook bei Hamburg, berichtete dabei über notwendige Maßnahmen, um während der Brunft bis zu 40.000 Besucher in seinem Revier zu lenken. Durch Wegsperrungen und konsequente Einhaltung des Wegegebotes gelingt es, Rotwild den Besuchern auch während des Tages erlebbar zu machen. Mit dem Thema Hegegemeinschaften beschäftigte sich Anton Krinner, Leiter der Hegegemeinschaft Isarwinkel in Bayern. Aus seiner Sicht tragen vor allem die Stärkung der Durchsetzungs- und Sachkompetenz von Hegegemeinschaften zu ihrer Weiterentwicklung bei. Im Impulsreferat des dritten Workshops befasste sich Johann Böhling, Jagdreferent in Schleswig-Holstein, mit der Schaffung neuer Rotwildlebensräume. Das Bundesland hatte im Jahr 2005 per Erlass die Neugründung einer Rotwildhegegemeinschaft in einem bisher rotwildfreien Gebiet festgeschrieben. „Eine Wiedererschließung von Rotwildlebensräumen könne bei einer Beteiligung aller relevanten Akteure gelingen" so Böhling.
In der Abschlussveranstaltung wurden die Ergebnisse der Workshops zusammengetragen und abschließend diskutiert. Der gemeinsame Aufruf, der vom 4. Rotwildsymposium der Deutschen Wildtier Stiftung an die Jagd in Deutschland ergeht, lautet: Jagd muss vorzeigbar bleiben!In Bezug auf die diskutierten Forderungen an die Jagd bedeutet dies:
-Jedes Rotwild-Managementkonzept, etwa für eine Hegegemeinschaft, für ein Großschutzgebiet oder für einen großen Forstbetrieb beinhaltet die Anlage einer oder mehrerer Wildruhezonen oder begründet schlüssig, warum dies nicht angebracht ist.
-Das Nachtjagdverbot des Bundesjagdgesetzes wird auch in den Ländern umgesetzt; Ausnahmen sind gut begründet.
-Die Jagdzeit auf das Rotwild endet bundesweit einheitlich am 31. Dezember.
Mit ihren Forderungen stößt die Deutsche Wildtier Stiftung in der Bevölkerung auf breite Zustimmung. Das belegen die Ergebnisse der kürzlich im Auftrag der Stiftung durchgeführten repräsentativen EMNID-Umfrage: Jeweils 70 Prozent der Befragten befürworten die Ausweisung von Wildruhezonen und das Verbot, nachts auf Rotwild zu schießen. Auch für kürzere Jagdzeiten sprach sich eine Mehrheit aus.
Das Programm und das erweiterte Positionspapier der Deutschen Wildtier Stiftung mit den Forderungen an die Jagd in Deutschland erhalten Sie hier.
Die Ergebnisse der Rotwildumfrage durch EMNID gibts hier.
Die Pressemitteilung zum Symposium bekommen Sie hier.






