Der Hirsch und die französische Revolution

Waren die Hirsche Schuld an der französischen Revolution?

Nun, das wäre sicherlich übertrieben. Aber die Frage hat ihre Berechtigung.
Der Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauern und Viehzüchter war nicht nur für die Menschen ein großer Einschnitt, sondern auch für die Wildtiere. Bis dahin nämlich war die Jagd frei und existentiell. Für den sesshaften Bauern aber war Wild nicht mehr nur Nahrungsgrundlage, sondern auch Bedrohung für Feldfrüchte und Nutzvieh. Gleichzeitig konnte man es sich nun leisten, die Jagd zum Vergnügen zu betreiben - so man wohlhabend genug war. Und das waren in erster Linie die Fürsten, der Adel und der Klerus.

Bereits im Mittelalter bildete sich der Unterschied zwischen herrschaftlicher und Volksjagd heraus. Die Einteilung des Wildes in Hoch- und Niederwild hat hier ihren Ursprung. Der Rothirsch war das wichtigste Wild der Hohen Jagd, keiner niederen Standes durfte Hirsche erlegen. Um 1500 entsteht das sogenannte „Jagdregal“, das den Landesfürsten zum alleinigen Jäger machte. Und bis Anfang des 19. Jahrhunderts führte dieses Privileg zu Auswüchsen, die in der Tat gesellschaftspolitische Umwälzungen zur Folge hatten.

Die Jagdstrecken der Fürsten waren beachtlich. Herzog Johann Georg I, Kurfürst von Sachsen, erlegte während seiner 44-jährigen Regierungszeit von 1611 bis 1655 116.106 Stück Wild, davon rund 40.000 Stück Rotwild. Für einen einzigen Jagdtag des Herzogs Carl-Eugen von Württemberg anlässlich seines Geburtstags im Jahr 1763 wurden 121 Hirsche von acht und mehr Enden bereitgehalten. Es entstand im Umfeld der Fürsten eine regelrechte Jagdindustrie, die nur aufrechterhalten werden konnte durch immens hohe Wilddichten und die Frondienste der Bauern.

Den Bauern wurde verboten, ihre Felder mit Zäunen zu schützen. Sie mussten die Verwüstungen hinnehmen, die berittene Jagdgesellschaften und ihre Hundemeuten hinterließen. Sie mussten Frondienste als Jagdhelfer leisten, wann immer es dem Grundherren gefiel. Sie mussten das Jagdpersonal und deren Pferde und Hunde – oft Meuten von mehreren hundert – verpflegen. In Württemberg mussten die Bauern sogar den Hut vor einem Hirsch ziehen. Und letztendlich erwarteten sie drakonische Strafen, wenn sie wilderten. 1537 ließ der Erzbischof von Salzburg einen Wilderer in die Decke des vom ihm erlegten Hirsches einnähen und von Jagdhunden zerfleischen.

Immer wieder flammten in dieser Epoche Bauernaufstände auf, die letztendlich der Not der Bauern entsprangen. Und daran hatten die Hirsche nennenswerten Anteil. 1789 setzte die französische Revolution dem Absolutismus ein Ende und bis Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser Schritt auch in Deutschland vollzogen. Die nun bewaffneten Bürger und Bauern schossen, was sie schießen konnten. Am wenigsten wurde Rot- und Schwarzwild geduldet. Es grenzt an ein Wunder, dass das Wild damals nicht gänzlich ausgerottet wurde. Es sollte noch etwas dauern, bis in den 1870er Jahren die jagdlichen Verhältnisse in Deutschland wieder geregelt waren und die Hirsche aufatmen konnten.

Dr. Doris Hofer
 

Partner

  • Deutsche Wildtier Stiftung
  • Vauna
  • TU Dresden

Wild im Wald

Viele Jahre lang war der Rothirsch für die einen nur ein Waldschädling und für die anderen nur eine Jagdbeute. Doch bei der Diskussion um Wald und Wild kamen die positiven ökologischen Effekte des Rotwildes immer zu kurz. Zum Hubertustag 2010 hat die Deutsche Wildtier Stiftung gemeinsam mit Burkhard Stöcker die Broschüre „Wild im Wald“ veröffentlicht. Sie wirft einen anderen Blick auf unser Schalenwild und plädiert für einen fairen Umgang mit Rothirsch und Co.. Wild im Wald