Die lieben Verwandten

Biologen ordnen der Familie der Hirsche (Cervidae) rund 30 verschiedene Arten zu. Die Hirschverwandten besiedeln von Natur aus die Kontinente Europa, Asien und Amerika. „Aber in Neuseeland gibt’s doch auch Hirsche…“, mag jetzt jemand sagen - die sind jedoch durch den Menschen "künstlich" eingeführt.

Der nächste Verwandte, den wir in Deutschland gelegentlich beobachtet können, ist der Sikahirsch. Ursprünglich kommt diese Art aus dem östlichsten Teil Chinas und aus Japan. Sie ist anspruchslos und widerstandskräftig und wurde wohl deshalb schon früher gerne eingeführt, um Parklandschaften und Gehege zu beleben. Heute gibt es bei uns auch einige freilebende Populationen, die sogar bejagt werden. Sikahirsche sind kleiner als unser Europäischer Rothirsch und die erwachsenen Tiere sind gefleckt.

Wie der Sikahirsch ist auch der Damhirsch kleiner als unser Rothirsch und gefleckt. Weiterhin unterscheidet er sich durch das schaufelartige Geweih des männlichen Hirsches. Vor der letzten Eiszeit gehörte der Damhirsch noch zur Fauna Mitteleuropas, danach beschränkte sich seine Verbreitung auf Kleinasien. Die Römer brachten ihn zurück in das nördliche Westeuropa. Damwild finden wir in vielen Gehegen und Parks, aber auch in freier Wildbahn, wo es wie der Sikahirsch zum jagdbaren Wild gehört.

Etwas weitläufiger verwandt, dafür aber ohne menschliches Zutun bei uns seit jeher heimisch ist das Reh. Der Irrglaube, das Reh sei das Weibchen vom Hirsch ist weitverbreitet. Das würde aber nicht gutgehen. Rehe sind bedeutend kleiner als Hirsche – 20 kg ist schon ein gutes Gewicht. Ein Hirsch wiegt durchaus zehnmal so viel. Rehe sind in Deutschland flächendeckend verbreitet. Im Gegensatz zum Rothirsch sind sie einzeln lebende Waldtiere. Mittlerweile haben sie sich jedoch unserer Kulturlandschaft angepasst und besonders im Winter sehen wir sie gelegentlich in Gruppen (Sprüngen) auf den abgeernteten Feldern.

Im Nordosten Deutschlands taucht gelegentlich ein weiterer entfernter Verwandter des Hirsches auf, der Elch. Die Wälder Skandinaviens, Polens und Russlands (und des nördlichen Amerikas) sind heute seine natürliche Heimat, und über Pommern gelangen Einzelne immer wieder zu uns nach Deutschland. Obwohl pferdegroß und doppelt so schwer wie ein Hirsch, ist er wie das Reh ein Waldtier. Unverwechselbar sind die Elchschaufeln, das Geweih der männlichen Elche. Charakteristisch ist auch die Fortbewegung der Elche, deren Trab (Troll) selbst im unwegsamsten Gelände außerorderntlich elegant wirkt.

Ebenfalls mit dem Rothirsch verwandt ist das Rentier (Eurasien) bzw. Karibu (Nordamerika). Es sind die einzigen Hirschartigen, bei denen auch die Weibchen Geweihe tragen. Bekannt sind sie für ihre weiten, regelmäßigen, jahreszeitlichen Wanderungen zu vielen tausend Tieren. Während in Sibirien und Nordamerika Ren bzw. Karibu noch nach ihrem natürlichen Rhythmus leben, sind die Rentierherden, denen man in Skandinavien begegnet, praktisch alle domestiziert, also Nutztiere.

Einige Verwandte unseres Hirsches sind bedrohte Arten, z.B. Muntjak, Axis-, Leier- oder Davidshirsch. Erwähnt sei hier noch das fernöstliche, sehr kleine Moschustier mit seinen langen Eckzähnen, dem wegen einer walnussgroßen Drüse nachgestellt wird. Aus ihr wird der Duftstoff Moschus gewonnen, der nur in die teuersten Parfüms gelangt (billigere verwenden synthetisches Moschus). Moschus ist eines der teuersten Naturprodukte der Welt: über 50.000 US $ pro Kilogramm werden bezahlt. Und um ein Kilogramm Moschus zu gewinnen, müssen ca. 160 Moschustiere erlegt werden. Zwar wird der Handel beschränkt und international kontrolliert, aber das scheint nur bedingt wirksam zu sein.

Dr. Doris Hofer

Partner

  • Deutsche Wildtier Stiftung
  • Vauna
  • TU Dresden